Auffahrunfall: Volle Haftung des Hintermanns bei abruptem Abbremsen des Vorausfahrenden

Auch wenn das vorausfahrende Fahrzeug ohne äußeren Anlass abrupt gebremst hat, ändert dies bei einem Auffahrunfall grundsätzlich nichts daran, dass der Beweis des ersten Anscheins dafür spricht, dass der Auffahrende einen schuldhaften Verkehrsverstoß begangen hat. Dies hat das Oberlandesgericht Karlsruhe mit Urteil vom 28.04.2017 (Az. 9 U 189/15) festgestellt.

Danach haftet der Auffahrende in der Regel zu 100 %. Die nicht widerlegte Möglichkeit, dass der Vorausfahrende vorsätzlich und aus „erzieherischen“ Gründen stark gebremst hat, ändert an der Haftung des Auffahrenden nichts. Ein etwaiger Verkehrsverstoß des Vorausfahrenden wäre nur dann zu berücksichtigen, wenn dieser nachgewiesen wäre.

In der Rechtsprechung nicht einheitlich beurteilt wird die Frage, ob die Haftungsfrage anders zu beurteilen ist, wenn der Vorausfahrende sien Fahrzeug grundlos abgebremst oder den Nachfolgenden quasi absichtlich ausgebremst hat (soe OLG Köln, DAR 1995, 485; OLG Frankfurt/Main, NJW 2007, 87). Das OLG Karlsruhe geht davon aus, dass dies unerheblich ist, denn im Straßenverkehr müsse jeder Fahrzeugführer damit rechnen, dass es zu einem Abbremsen des Vorausfahrenden komme, auch wenn er selbst den Grund hierfür nicht sehe oder sehen könne.

Den zulasten des Auffahrenden eingreifenden Anscheinsbeweis muss der Auffahrende erschüttern. Dies wäre dann der Fall, wenn der Bremsweg für den Hintermann möglicherweise verkürzt wurde, z.B. durch einen Spurwechsel des Vordermanns oder bei einem Auffahren des Vordermanns auf ein stehendes Hindernis. Gelingt es nicht, den Anscheinsbeweis zu erschüttern, so spricht das Verschulden des Auffahrenden dafür, dass die Betriebsgefahr des Fahrzeugs des Vorausfahrenden hinter den Verkehrsverstoß des Auffahrenden zurücktritt. Der Auffahrende (und seine Kfz-Haftpflichtversicherung) haftet daher allein für die eingetretenen Schäden.

Wir beraten Sie gern dazu, wie in Ihrem Fall unter Berücksichtigung der aktuellen Rechtsprechung die Haftungslage ist.

31.08.2017

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